Biographie

Barbara Schroeder, in Kleve am Rhein geboren, ist unter die zahlreichen Deutschen einzureihen, die schon seit langer Zeit in den Bann der Sonne des Südens gezogen werden. Hölderlin gehörte zu denen, die an den Ufern der "schönen Garonne“ und in den "Gärten von Bourdeaux" einen Abglanz des alten Hellas zu finden hofften.

Barbara Schroeder ist weniger naiv und unterscheidet sehr wohl das sanfte Licht der Girondemündung von dem des Mittelmeerraumes. So wachsen denn auch jenseits ausgedehnter Schlammgebiete am Fuße der von Rebstöcken bedeckten Hänge von Teuillac, wo Barbara Schroeder lebt, Lorbeersträucher, Feigenbäume und Bananenstauden. Das Wohnhaus, aus hellen Mauersteinen und rötlichen Ziegeln erbaut, führt hinaus in einen grünenden Garten, wo sich hinter einem Teich der romanische Glockenturm der Dorfkirche abzeichnet. In diesem friedlichen und fruchtbaren Landstrich, wo es sich gut leben läßt, widmet sich Barbara Schroeder ihrer künstlerischen Arbeit, wobei sie sowohl aus ihrer deutschen als auch aus der französischen Kultur schöpft.

Wenn sie sich für ein Studium an der Kunstakademie von Bordeaux entschied, hat Barbara Schroeder deshalb ihr Heimatland nicht vergessen. Die Berliner Mauer ist in ihren Augen ein Symbol für das dramatische Schicksal ihrer Heimat. Sie beschließt darum, die schändliche Wand aus Steinblöcken und Beton, die als Untergrund für die Manifestation des Widerstandes und des Freiheitsdranges diente, zum Gegenstand ihrer Examensarbeit zum Studienabschluß zu machen. Gleich ob sie das Werk anonymer oder anerkannter Künstler sind – den aneinandergesetzten und übereinandergeschichteten bildlichen Darstellungen und den wütenden oder spöttischen Parolen ist ein spontaner farbiger Graphismus eigen, der sich gewissmassen an die französischen Manifestationen der “freien Figuration” und des “Neuen Realismus” anlehnt. Erschüttert durch den Lauf der Ereignisse stellt Barbara Schroeder im November 1989 das Ergebnis ihrer Studienarbeit an der Universität III von Bordeaux vor – dreizehn Tage nach dem Fall der Mauer, die ihr wie “ein endloses Gemälde, ein gigantisches Fresko unzähliger Künstler aus allen Nationen” erschienen war.

In diesem Kontext stehen ihre ersten Werke, die sie als Holzschnitte ausführt, in einer sozusagen angestammten Technik, die von Albrecht Dürer bis hin zu Käthe Kollwitz und den Meistern der Brücke und des Blauen Reiters unablässig Meisterwerke an Ausdrucksfähigkeit hervorgebracht hat. Die relative Grobheit der Bearbeitung läßt in den verzerrten Gesichtern die Angst einer Generation sichtbar werden, die noch immer unter dem Eindruck des tragischen Abtriftens Deutschlands steht. Zugleich bedient sich die “Hommage, an die Berliner Mauer” betitelte Serie der unbändigen Kraft greller Farben sowie der Zeichensymbolik und hat auf diese Weise Anteil am Protest der Berliner Mauerstürmer.

Im Jahr 1992 erhält Barbara Schroeder den Auftrag, einen Wandbehang von 6 Meter Länge für das Foyer der Depositenkasse zu fertigen; danach fällt zwischen 1994 und 1997 nach einem Wettbewerb auf sie die Wahl, die neue Bibliothek der Medizinischen Fakultät in Bordeaux sowie das Gymnasium in Liboume an der Gironde auszugestalten. Diese monumentalen Werke vermischen bruchstückhafte Motive, die wegen ihrer symbolischen Bedeutung ausgewählt wurden: einfache Grundformen wie Quadrate, Kreise und Kreuze für die Depositenkasse, anatomische Entwürfe nach Leonardo da Vinci für die Medizinische Fakultät, die Blende eines Objektivs für das Gymnasium, das den Namen des bedeutenden Fotografen Eugène Atget trägt. Die, aneinandergereihten und sich teilweise überdeckenden mehr oder weniger vermischten Motive bergen ohne Zweifel eine Erinnerung an die Berliner Mauer. Im Gegensatz zum Bezugsobjekt jedoch ist nichts an diesen Kompositionen zufällig; ihre Formen und Farben entsprechen und ergänzen einander in ihrer Ausgewogenheit und beruhen auf exakten Berechnungen, so daß sie jeweils eine homogene Ganzheit bilden, die sich in den architektonischen Rahmen einfügt.

Die Ungezungenheit, mit der die grossen Formate gemeistert wurden, beruht auf den durch die Technik der Collage gegebenen Möglichkeiten. Bei der Abneigung dieser Technik hat sich Barbara Schroeder weder die geklebten Papierwerke von Picasso und Braque noch die wirre Bildgestaltung der Surrealisten zum Vorbild genommen. Sie ordnet sich der Ästhetik der Mauer unter und vielleicht auch der von Kurt Schwitters; vor allem bleibt sie Malerin, indem sie die vergilbten Seiten alter Bücher, Fragmente von Partituren oder ausgebleichte Strassenkarten mit transparenten und getönten Papierstücken kombiniert, die sie dann mit Schriftzügen und Farbstrichen übermalt. Die gegensätzlichen Materialien bereichern das Werk durch ihre verschiedenartige Beschaffenheit und durch ihre ausgefallenen Farbnuancen, zu denen sich gleichzeitig zufallsbedingte und willkürliche Elemente gesellen, deren innerer Schwung instinktiv gewissen Pinselstrichen von Kandinsky folgt.

Barbara Schroeder ist es nie in den Sinn gekommen, sich zwischen der gegenständlichen Darstellung und der Abstraktion zu entscheiden. Es genügt ihr zu wissen, dass die Malerei Ausdruck von Sinn und Seele ist. Immerhin beginnt sie um 1996 bevorzugt mit textilen Geweben und Acrylharzen zu arbeiten, und sie lädt uns in eines neues Universum leichter lesbarer Metaphern ein. Wie Colette mit ihren Worten, so rühmt Barbara mit ihrem Pinsel – und das nicht ohne Humor – die köstliche Vielfalt des Gemüseangebotes der aquitanischen Erde und, angeregt durch eine Reise nach Argentinien, den Reichtum des Mondtales. Die dicken Bohnen, die sie ungekocht mit gesalzener Butter geniesst; die Trauben für den Bordeauxwein, den sie fachkundig kostet; aber auch die Zwiebeln, Riesenkürbisse und Tomaten, die Feigen und Zitronen – alles ist eingetaucht in das Azurblau Aquitaniens oder in das Graublau des Mondtales. Blau, diese “magische und durchscheinende Farbe”, ist der Grund reizvoller, aus der Erinnerung gestalteter Landschaftsbilder.

Eine Dimension fehlte bisher noch in diesem Fest der Sinne – die der Liebe. Die jüngsten Tuchmalereien laden uns nun in diese Dimension ein, und zwar mittels der Poesie der Legende. Leda und der weisse Schwan (der herrliche weisse Vogel ist das Wahrzeichen der Stadt Kleve) zeugen von einer neuen Ambition, durch die sich die Malerin zur Beschäftigung mit den Mythen hingezogen fühlt und die die Vorhersage einer sich weiterhin entfaltenden, vielversprechenden Kreativität rechtfertigt.

Robert Coustet
Professor der Kunstgeschichte an der Universität Bordeaux
(Übersetzung : Helga Vuong-Vân)

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