Gerd Borkelmann, 22 Hours, 24.06.2016

Barbara Schröder ist in Kleve geboren, und hat sich nach ihrem Studium an der Kunstakademie in Bordeaux, in ihrer Wahlheimat im Südwesten Frankreichs niedergelassen. Obwohl ihre Werke in der Ferne Aquitaniens entstehen, sind sie in den letzten Jahren doch verstärkt in ihren alten Heimat oder deren näheren Umgebung gezeigt worden. Erinnert sei hier u.a. an die sehr schöne und umfangreiche Präsentation im Sommer des letzten Jahres im Haus im Park in Emmerich.

Schon früh zeigte sich im künstlerischen Schaffen Barbara Schröders ein besonderes Interesse für die komplexe Vielfalt der Natur. Neben landschaftlichen Motiven, sind es immer wieder Weintrauben, Kürbisse, Artischocken oder Mais, die rurale und agrarische Kontexte  zitieren, und als zeichenhaft abstrahierte Formen in ihren umfangreichen Werkreihen in Erscheinung treten. Gerade die frühen Arbeiten auf Papier, die zum Themenkreis des Weins, der Weintrauben gehören sind mir in ihren dunkel bordeauxroten Tönen noch gut in Erinnerung geblieben. Ausgeführt auf den Seiten von Registratur- und Rechnungsbüchern alter Weingüter, zeigt sich in ihnen ein feinsinniges Verständnis, dem es gelingt die Atmosphäre des Vergangenen produktiv mit der Präsenz gegenwärtiger künstlerischer Intervention zu verbinden. Arbeiten einer neueren, inzwischen umfangreichen Werkgruppe, die in den letzten Jahren entstanden ist widmen sich einer Kulturpflanze die weltweit, aber auch für den Niederrhein eine große Bedeutung hat. Gemeint ist die Kartoffel, ein auf den ersten Blick für den künstlerischen Kontext eher unspektakuläres, man möchte gar sagen ungewöhnliches Sujet.

Mit dieser Motivwahl scheint Barbara Schröder an ihre alte Heimat, an die Region des Niederrheins erneut anzuknüpfen, wird die Kartoffel doch hier allerorten angebaut. Ursprünglich aus dem südlichen Amerika stammend, ist die uns allen vertraute Frucht des Feldes, die zur Familie der Nachtschattengewächse gehört hier jedoch noch nicht einmal originär zu Hause. Als wichtige Nutzpflanze, wird sie monokulturell und flächendeckend angebaut und bestimmt auf weiten Strecken das agrarische Geschehen des unteren Niederrheins. Dabei hat die Kartoffel weitaus mehr Potential als sich in den allseits bekannten Sorten Celina, Bintje oder Sieglinde auszudrücken vermag. Gibt es doch weltweit mehr als 5000 verschiedene Kartoffelsorten. Eine schier unfassbar erscheinende biologische Vielfalt, die inzwischen mehr und mehr auf ein ebenso differenziertes kulinarisches Interesse stößt.

Aber wer von uns kennt oder speiste schon einmal, Blaue St. Galler, Bamberger Hörnchen oder Kerkauer Kipfler. Wann genau die Kartoffel, zusammen mit anderen damals noch unbekannten Pflanzen wie Tomate, Paprika oder Mais den Weg von der neuen in die alte Welt nahm lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Nachweislich brachten die Spanier sie aus ihren kolonialen Besitzungen in Peru mit nach Europa. Schon im frühen 16. Jhdt. wird sie auf Teneriffa angebaut, und ab der Mitte des 16. Jhdt. ist sie ebenso für das spanische Festland nachweisbar. Damit einhergehend tritt sie einen europäischen, und in der Folge einen globalen Siegeszug an. Zu recht gilt sie als eine der bedeutendsten und meist verbreitetsten Grundnahrungsmittel weltweit. Am Niederrhein wird sie wahrscheinlich erst ab der Mitte des 18. Jhdt. in größerem Stile angebaut. Mit Nachdruck musste der preußische König Friedrich der II., der in jenen Tagen auch klevischer Landesherr war, mit seinen „Kartoffelbefehlen“ das Wohlwollen, der mit ausgesprochener Skepsis begegneten fremden Pflanze förmlich erzwingen. Am 24. März 1756 erließ er an seine Beamten eine Circular-Ordre, die wie folgt lautete, „denen Herrschaften und Unterthanen den Nutzen von Anpflantzung dieses Erd Gewächses begreiflich zu machen, und denselben anzurathen, dass sie noch dieses Früh-Jahr die Pflantzung der Kartoffeln als einer sehr nahrhaften Speise unternehmen“. Es wird erzählt, dass Friedrich II. seine Bauern regelrecht ins Kartoffelglück prügeln ließ. Letztlich scheint dies gefruchtet zu haben, und so ist die Kartoffel aus unserer Region und von unserem heutigen Speiseplan kaum mehr  wegzudenken.

Spielt die Kartoffel in Zusammenhängen der Ernährung ein kaum zu unterschätzende Rolle, so ist sie in kunsthistorischen Kontexten eher seltener anzutreffen. Die Kartoffel, so heißt es sei das Essen der armen Leute, und so überrascht es dann auch nicht das die Darstellung einfachen und bescheidenen bäuerlichen Lebens in der Literatur und der bildenden Kunst des 19. Jhdts. häufig mit dem Motiv der Kartoffel verbunden ist. 1855 entsteht Jean-Francois Millet berühmtes Gemälde „L`Angélus“, (Abendgebet auf dem Felde). Es zeigt einen Mann und eine Frau beim Gebet auf einem abgeernteten Acker, im Vordergrund einen mit frischen Kartoffeln gefüllten Korb, und hinter dem Paar eine Schubkarre mit gefüllten Säcken. Eine der populärsten Darstellungen in denen der Kartoffel eine tragende Rolle zugewiesen wird, ist zweifellos Vincent Van Goghs Gemälde „Die Kartoffelesser“ von 1885, noch im selben Jahr malt er „Korb mit Kartoffeln“, ein Stillleben das keine tradierte florale Pracht in Szene setzt sondern die frugale Präsenz dieses basalen Nahrungsmittel in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses rückt . Einige Jahre zuvor entstand, das aus dem Jahr 1874 stammende Gemälde „Kartoffelernte in Barbizon“ des deutschen Impressionisten Max Liebermann. Und im Jahre 1876 hält der deutsche Maler Wilhelm Trübner in „Kartoffelacker in Weßling“ die Pracht eines blühenden Kartoffelfeldes fest.

In der Kunst der Gegenwart ist es niemand geringerer als Joseph Beuys, dessen differenziertes und komplexes Naturverständnis sich in einem seiner Werke der Kartoffel  widmet. „The amazing spud“, eine Materialcollage von Joseph Beuys aus dem Jahre 1970, die sich heute in der Sammlung des K20 in Düsseldorf befindet, zeigt eine gänzlich unscheinbar wirkende, getrocknete Kartoffel, die Wurzeln geschlagen hat. Ihr weitverzweigtes filigranes Wurzelgeflecht lässt die Verwandlung von Frucht zu Keim erfahrbar, lässt die Gestaltbildung weiterer Kartoffeln spürbar Präsenz gewinnen. Beuys „Amazing Spud“ so sagt es der englischsprachige Titel ist eine besondere, eine einzigartige, eine vor allem erstaunliche Kartoffel. In der in den letzten Jahren entstandenen Werkreihe Barbara Schröders nimmt die Kartoffel zweifelsfrei einen vergleichbar erstaunlichen, und einzigartigen thematischen Stellenwert ein. In immer wieder neuen Variationen, widmet sich die Künstlerin dem Thema. Malerisch großformatig dekliniert sie das gesamte Spektrum des pflanzlichen Werdens der Feldfrucht durch. Neben eindrücklichen Bildern der Kartoffelblüte, sind es vor allem die prägnante, gleichsam stark abstrahierte Form der Kartoffelknolle, sowie die Kartoffelschale, die als zeichenhaft mäanderndes Band häufig in ihrem Werk auftaucht. Das Kolorit ihrer Farbpalette erscheint naturnah. Erdige ockerige Töne, korrespondieren zuweilen mit einem kontrastreich aufgefasstem Spektrum an Schwarz, Weiß und Grautönen die in vielen Lagen aufgetragen werden. Gelegentlich ist ein tiefes Nachtblau, das den Bildszenen etwas geheimnisvolles, unbestimmtes, dunkel ozeanisches verleiht. Strahlend und lichthaltig zeigen sich hingegen die Gemälde der Kartoffelblüten, deren Hintergründe zudem von einem überraschend frischen Grün bestimmt werden. Barbara Schröders Gemälde entstehen in einem komplexen und zeitintensiven malerischen Prozess. Sie sind Resultat nuancierten farbigen Schichtens, sind malerische Sedimentationen, in der Farbe nicht nur in ihrer strahlenden Lichthaltigkeit, sondern ebenso in ihrer faktischen physikalischen Beschaffenheit, als Substanz erfahrbar wird. Dabei reicht die Bandbreite  diverser malerischer Aggregatzustände von wässerigen, flüssigen und leichten Farblagen über verdichtete und deckend erscheinende Farbschichten, bis hin zu körperhaften Verkrustungen an der Oberfläche ihrer Leinwände. Die häufig matt und samten erscheinenden Farbflächen ihrer Gemälde, hat Barbara Schröder mittels der Anreicherung durch zusätzliche Pigmente und eine Vielzahl sonstiger Zuschläge in ihren Farben erzielt. Motiv und Malprozess sind im Schaffen von Barbara Schröder unabdingbar miteinander verbunden, das Eine bedingt das Andere. Wechselwirkend durchdringen malerischer Duktus, und zeichenhafte Abstraktion eines pflanzlichen Formenrepertoires und bringen auf beeindruckende Art und Weise künstlerische Genese wie die sich immer wieder wandelnden und erneuernden Formungen der Natur zur Anschauung. Bevor ich hier zum Ende meiner kurzen Einführung komme, und bevor ich es unterschlage, möchte ich natürlich ebenso auf die wunderschönen Porzellanarbeiten verweisen. Insbesondere auf die aus feinstem, lichtweißen Limogesporzellan geschaffenen Kartoffelnskulpturen, die wenn man so sagen darf nach Uedemer Vorbild entstanden sind, und den Themenkreis „Kartoffel“ um eine eher intime und verführerisch handschmeichlerische Facette erweitern.

borkelmann